„Es gibt einfach keine Leute mehr.“ Kaum ein Satz fällt in Handwerksbetrieben derzeit so oft. Und ja: Die demografische Entwicklung ist real, die Zahl der Schulabgänger sinkt, viele erfahrene Gesellen und Meister gehen in den kommenden Jahren in Rente. Wer das leugnet, macht es sich zu leicht. Wer sich aber ausschließlich darauf beruft, macht es sich ebenfalls zu leicht.
Die unbequeme Frage
Wenn der Markt für alle gleich leer wäre, müssten alle Betriebe gleich stark betroffen sein. Das ist nicht der Fall. In derselben Region, im selben Gewerk, mit denselben Tarifen gibt es Unternehmen, die ihre Stellen besetzen – und andere, bei denen sich niemand bewirbt oder neue Mitarbeiter nach wenigen Monaten wieder gehen. Der Unterschied liegt selten im Glück. Er liegt fast immer im Betrieb selbst.
Genau hier setzt der Titel „Die Fachkräftelüge im Handwerk“ an. Die Lüge ist nicht, dass Fachkräfte knapp sind. Die Lüge ist die Annahme, man könne als Unternehmer nichts dagegen tun.
Warum gute Leute gehen
Fragt man Handwerker, warum sie ihren letzten Arbeitgeber verlassen haben, hört man selten zuerst „wegen des Geldes“. Viel häufiger fallen Sätze wie diese:
- „Morgens wusste keiner, wo es hingeht.“
- „Material hat ständig gefehlt, wir standen auf der Baustelle rum.“
- „Der Chef hat alles selbst entschieden, und dann doch wieder umgeworfen.“
- „Wer gut gearbeitet hat, hat einfach mehr Arbeit bekommen.“
All das sind keine Probleme des Arbeitsmarkts. Es sind Probleme von Organisation und Führung. Und damit sind es Probleme, die ein Unternehmer lösen kann.
Struktur schlägt Appell
Viele Betriebe reagieren auf Personalknappheit mit Appellen: mehr Einsatz, mehr Flexibilität, mehr Überstunden. Kurzfristig mag das funktionieren, langfristig treibt es genau die Leute aus dem Betrieb, auf die man am meisten angewiesen ist. Nachhaltiger ist der umgekehrte Weg: Abläufe so zu gestalten, dass gute Arbeit leichtfällt. Klare Zuständigkeiten, eine verlässliche Arbeitsvorbereitung, Material, das da ist, wenn es gebraucht wird.
Ein Betrieb, in dem man gut arbeiten kann, braucht keine Werbekampagne. Die Mitarbeiter erzählen es weiter.
Der Chef als Engpass
In vielen Handwerksbetrieben ist der Inhaber gleichzeitig bester Monteur, Kalkulator, Einkäufer, Personalchef und Telefonzentrale. Das ist verständlich, denn so sind die meisten Betriebe gewachsen. Es wird aber zum Problem, sobald der Betrieb größer wird: Jede Entscheidung läuft über eine Person, und diese Person hat keine Zeit mehr für das, was nur sie tun kann – den Betrieb führen.
Wer als Chef lernt, Aufgaben abzugeben und Verantwortung zu übertragen, gewinnt doppelt: Er entlastet sich selbst und gibt seinen Mitarbeitern genau das, was gute Leute suchen – Vertrauen und Gestaltungsspielraum.
Wo anfangen?
Drei Fragen, die sich jeder Betriebsinhaber ehrlich beantworten sollte:
- Wenn ich morgen drei Wochen ausfalle – was passiert dann im Betrieb?
- Wüssten meine Mitarbeiter, was ein guter Arbeitstag bei uns ist, wenn ich sie danach frage?
- Warum sollte sich ein guter Geselle ausgerechnet bei uns bewerben und nicht beim Wettbewerber?
Wer auf diese Fragen keine klare Antwort hat, hat damit nicht versagt. Er hat seinen Ausgangspunkt gefunden. Wie man von dort aus Schritt für Schritt zu einem Betrieb kommt, der Fachkräfte anzieht, beschreibt Jürgen Hohnen in seinem Buch aus über drei Jahrzehnten eigener Unternehmerpraxis.
„Die Fachkräftelüge im Handwerk“ von Jürgen Hohnen – Schluss mit faulen Kompromissen beim Personal: Wie du Mitarbeiter findest und bindest, auf die du dich verlassen kannst.